Die Grundschule in Tschernitz wurde zum Ende des Schuljahres 2003 geschlossen.
Es war einmal ein Ziegelstein, der wollt’ so gerne vermauert sein. Er war so ganz rot und ziemlich fest, oh wo man ihn wohl leben lässt? Da wuchs in Tschernitz auf märkischem Sand gegen 1907 eine neue Schule ins Land. Hier durfte nun der kleine, rote Ziegelstein über Jahre ein stummer Zeuge sein. Er sah sie kommen, er sah sie gehen, die vielen Menschen die ihn nie sehen. So konnte berichten der Ziegelstein, über viele Geschichten von Groß und Klein.
Am 1. April 1908 dann, gründeten die Gemeinden Tschernitz und Klein Düben den ersten gemeinsamen Gesamtschulverbund. Die Zahl der Kinder wuchs erheblich, waren es nun schon 213 Buben und Mädchen. Eine viertklassige Volksschule reichte nicht mehr aus. Als Hauptlehrer amtierte der Karl Knaack, er organisierte für alle den Schulalltag.
Bis man schrieb das Jahr 1914 - oh Graus, es zogen viele Lehrer als Kriegsfreiwillige aus. Da nun ein Mangel an Lehrern bestand, gab es zum ersten Mal im Tschernitzer Land, weibliche Lehrkraft, dass war Fräulein Knaack, die nun regelte den Schulalltag.
Ein neues Wort ging um in unserem Ort, es hieß „Liebesgabenpaket" für die Männer an der Front. Viele Dinge wurden darin verstaut und verpackt, von Hemden bis Strümpfe und recht viel Tabak. Alles Ideen, um die Nöte zu lindern. Es erklärten sich die Tschernitzer Frauen bereit, für die Schüler zu kochen, was viele erfreut. So wuchs in dem kleinen märkischem Ort die Zahl der Kinder immerfort.
Also besprach man, und das fiel nicht schwer: Eine neue größere Schule muss her! Da gab es die Gemeindevertretung und den Gemeindeschulzen Nousch, die 1920 beschlossen, eine neue Schule für den Tschernitzer Schoß. Das einzige Problem an der Geschicht’, waren die 100 000 Mark, denn die hatte man nicht. Man lebte in Zeiten der Inflation, als wurde abgelehnt die Projektion. Gäbe es da nicht den eifrigen Amtsvorsteher Herrn Mattiaschek und den damaligen Glashüttendirektor Hubein, die sich nach Beeidigung der Inflation erneut setzten für die Schule ein. Also konnte man am 15. Oktober 1928 sehen, wie erstmals Schüler in die neue, später gelbe Schule gehen.
Jeder Platz an der Schule wurde genutzt, so gab es unter dem Dach eine Seidenraupenzucht. Für so viel Arbeit und Leistung im Haus, sprach man der Schule eine Auszeichnung aus.
Ach - das Dasein des roten Ziegelstein, könnte erfüllt von Freunde sein. Kämen da nicht die Jahre voll Kummer, die den Ziegel rissen erneut aus seinem Schlummer. Was hat sich die Menschheit nur dabei gedacht, erneut gehetzt und einen Krieg angefacht. Vorbei war die Zeit als Schulgebäude, jetzt gingen ein und aus ganz andere Leute. Von der Wehrmacht besetzt und umfunktioniert, wurde eine Feldbäckerei nun einquartiert. Während Volk erlitt große Not, stapelte sich hier bis zur Decke das Brot. Brot, welches später wurde verladen, um es an die Front zu fahren. Gegen Kriegsende ergoss man dann - oh Graus, über die restlichen Brote, Benzin gar aus. Damit nicht genug, man verteilte das Brot, an das hungernde Volk - groß war die Not.
Die Kapitulation am 8. Mai, brachte erst einmal den Frieden herbei. Man sprach von einer Neugestaltung in Form von einer Zivilverwaltung. Bis zur lang ersehnten Friedenskonferenz, stand Tschernitz unter polnischer Referenz.
Was sah der Ziegel in dieser Zeit, an unwürdigem, überflüssigem, menschlichen Leid. Er hörte nun ein vielsprachiges Palaver, aus seiner Schule wurde ein Flüchtlingslager.
Es wurde verheizt, was man nur fand. Bänke, Pulte und den Zaun vom Schulgartenland. Genommen, geplündert, was man brauchte, vieles damals im Feuer verrauchte. Der Ziegel sah alles als stummer Zeuge mit an, bloß gut, die Flüchtlingszeit währte nicht lang. Oh - wie wohl ward’ ihm gewesen, als er sah Menschen mit Schaufel und Besen, mit Holz vom Walde herbei geschafft, den Schulhof und sein Gebäude notdürftig in Schuss gebracht. Es war ein Anfang, der war gar schwer. Schülerschriften und Bücher gab es keine mehr. Tische und Bänke verbrannt und verschwunden, ja schwer waren die ersten Aufbaustunden. Es reichte nicht vorne, es reichte nicht hinten, doch der Alltag musste sich wieder finden.
Ach - welch’ Freude für den Ziegelstein, als endlich wieder zog die Schule ein. Die Glückseligkeit brachte ihn fasst aus den Fugen, als für den 16. Oktober 1945 ausgerufen, dass im gesamten russischen Besatzungsgebiet die deutsche Schule wieder belebt. Doch wie gesagt, der Anfang war schwer, die Schulbibliothek gab es nicht mehr. Mit null nichts fing man wieder an, vorbereitet durch den damaligen Leiter Herr Florian. Doch Herr Florian stammte aus Reicheszeiten, also durfte er sein Amt nicht lange bekleiden. Im Oktober war seine Leitungszeit um, es übernahm ein Fräulein Hirschel die neue Leitung. Sie musste nun sorgen, man glaubt es kaum, für 209 Schüler auf engstem Raum.
Als dann kamen die kälteren Tage, brach noch herein die Heizungsfrage. Die Pumpstation war arg zerstört, der Motor nun einem Anderen gehört. Wie kommen wir über die kalte Zeit, für dieses Problem stand Herr Vaabert bereit. Mit seiner Gnade und Improvisation, brachte er in Gang die Pumpstation. Leider war das Glück nur von kurzer Dauer, nur täglich zwei Stunden hielt der warme Schauer. Doch diese zwei Stunden waren ein Hoffnungsschimmer, der sich zog durch jedes nutzbare Klassenzimmer.
Wie lachte der rote Ziegelmund, als er am 7. November gab die erste Feierstund’. Es wurde gefeiert zur 28. Wiederkehr, der Oktoberrevolution in der UDSSR. Was für ein Start in ein neues leben, doch der Ziegel sollte noch mehr erleben. Am 21. November war es soweit, die ersten neuen Bücher wurden eingeweiht. Wie freute sich der rote Ziegelstein, als er heimlich sah in diese Bücher hinein. Er lauschte dem Flüstern der Mädchen und Buben, die fleißig wieder lernten in seinen Stuben.
Abends dann in später Stunde lauschte er Geschichten der Elternrunde. Es vergingen Tage, Wochen, Jahre dann, auch im Schulsystem hatte sich vieles getan. So vereinte sich die Zentralschule Tschernitz - auf Rat - mit der Grundschule Friedrichshain zu einem Schulkombinat. Für die Schüler der Klassen sieben bis acht, gab es 1958 einen neuen Unterrichtstag. Es war der Unterrichtstag der Produktion, was das heißt, weiß ein jeder der „DDR-Generation."
Ein Hauch von Aufschwung lag überall breit, eine neue Turnhalle wurde eingeweiht. Errichtet im Nationalen Aufbauwerk NAW, konnte man am 12. November 1966 die neue Halle begehen. Man glaubte es kaum , doch es wahr, unsere Schulgeschichte wurde 1970 schon 100 Jahr. Aus diesem Anlass bekam sie einen Namen, sie durfte den von Erich Weinert tragen.
Vom Fahnenappell bis zur Abschiedsstunde, der Ziegel sah vergnügt in seine Runde. So gab es bald einen neuen Schulaufbau, genannt „Pavillon", das Haus Nummer drei, auch eine neue größere Turnhalle musste 1988 herbei. Als dann kam die große Wende, war es mit dieser schönen Zeit zu Ende. Erst wurde der Hort von der Schule getrennt, das musste so sein, das lag voll im Trend. Die Schüler der Klassen sieben bis zehn, durften nun auch woanders hingehen, denn die Schule wurde degradiert, bis auf eine Grundschule abdekoriert. Damit nicht genug, man will ans Gemäuer, jedem Ort eine Schule, das wird zu teuer. So begann der Kampf mit dem Einzug der Wende, und er ist bis heute noch nicht ganz zu Ende.
Ich hörte ein Seufzen, ich höre ein Klagen, der Ziegel hat noch so viele Fragen. Ja, gehen in meinem so würdigen Haus, bald schon für immer die Lichter aus? Der Ziegel, einst eine stolze Stütze, sieht sich schon verwittert mit schiefer Mütze. Vorbei ist die Zeit des Schulgebimmel, der Hof bleibt leer ohne Schülergewimmel. Was soll denn werden aus meinem Haus, gehen keine Schüler mehr ein noch aus? Soll nun verfallen, was einst entstand, auf unserem alten märkischen Sand? Haben die Menschen, die gegen uns Befinden, nicht auch ein bissel Heimatempfinden? Die gesuchte Antwort wird die Zukunft erbringen, auch wenn vergebens unser Kämpfen und Ringen, so schauen wir nach vorn und halten uns vor Augen, diese schöne Gebäude könnte für viele Zwecke taugen. Geht ihr einmal nach vielen Jahren dann, an diesem uralten Gemäuer entlang, dann schaut einmal hin und haltet inne, lauscht nach der kleinen, besorgten Ziegelsteinstimme.