Tschernitz-Wolfshain Die Lausitzerlandschaft und die Gemeinde im Wandel der Zeit
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Diplomatische Auseinandersetzungen um den Föhrenfließ
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Grenzstreitigkeiten gibt es genauso lange, wie Grenzen. Denn immer wieder geschieht es, dass in Abwesenheit der Nachbarschaft heimlich, still und leise Grenzen verändert, jahrhundertealte Markierungen beseitigt oder Ländergrenzen in einem kriegerischen Gewaltakt abrupt neu gezogen werden. Von so einer Geschichte ganz in unserer Nähe möchte ich erzählen. Viele kennen den Föhrenfließ, ein lebhaftes ca. 11 km langes Flüsschen, das sich aus mehreren mineralischen Rinnsalen zusammensetzt, von Klein Düben, Tschernitz, Zschorno und Wolfshain herkommend ins Neißetal hinunterrieselt. Nahe dem Naturschutzgebiet Zerna mündet der Föhrenfließ in die Neiße. Bemerkenswert ist der häufige Namenswechsel des Baches. Wegen der fünf Mühlen, die er einst antrieb, heißt er stellenweise Mühlwasser. Weil er aber auch den Grenzverlauf zwischen Brandenburg (Preußen) und Sachsen markiert und wie ein echter Grenzgänger die Exklave Jämlitz, die zum Fürstentum Sagan gehörte, durchströmt, danach wieder ins Land Sachsen zurückwechselt, heißt der Bach auch Grenzwasser. Als Mühl- oder Lachgraben fließt er durch die sächsische Gemarkung Köbeln, als Föhrenfließ kommt er nach Brandenburg und mündet hier in die Neiße. Ehemals gehörte das Mündungsgebiet des Föhrenfließes zur Flur Groß-Särchen und somit zur Herrschaft Sorau/Triebel der Grafen von Promnitz. Es war im Jahr 1730 als es dem Amtmann aus Triebel [heute Trzebiel] Georg Christoph Schödel einfällt, den Lauf des Föhrenfließes zu verändern. Er lässt den Bach zunächst mit einem Damm hemmen und über einen neuen Graben umleiten. Die wasserbauliche Veränderung ist stümperhaft, der Föhrenfließ fließt nicht mehr ab. Deshalb verwässern und versumpfen die angrenzenden Wiesen. Die Köbelner Nachbarn sind sauer und beschweren sich über ihren Wirtschaftsamtmann Georg Dutschke bei der Standesherrschaft Muskau. Vom Muskauer Amtshaus geht nun ein Beschwerdebrief nach Triebel – doch niemand reagiert darauf. Im nächsten Frühjahr machen sich erneut zwei Köbelner, Martin Dutzscho und George Kneschke auf den Weg, um im Amtshaus Beschwerde zu führen. Bei einer Vor-Ort-Begehung stellen Georg Dutschke und Aktuar Johann Jakob Petsch aus Muskau fest, dass die Beschwerde der Bauern berechtigt sei. Petsch verfertigt einen Brief an den hochedlen Amtmann Schödel mit der Androhung, sich bei höherer Stelle beschweren zu wollen, wenn nicht unverzüglich den Bauern zu ihrem Recht verholfen werde. Nun kommt Bewegung in den Amtmann Schödel. Er lässt sich zum Streitort kutschieren. In dem unwegsamen Gelände kommt ihm ein schlauer Einfall, wie er seinen Kopf aus der Schlinge lösen könnte. Zunächst wiegelt er sanft ab, dass es nur an der Neiße und an dem derzeit hohen Wasserstand liegen würde. Nur das sei der Grund, dass das Wasser des Föhrenfließes nicht abfließen könne und es werden schon wieder bessere Zeiten kommen. Dann aber holte er zum Schlag aus. Nach dem Motto: „Angriff ist die beste Verteidigung!“ behauptet er anschließend, er hätte erst jetzt bemerkt, dass der Köbelner Zaun auf Groß-Särchener Grund und Boden stünde und verlange nun seinerseits, den Zaun an die ursprüngliche Stelle zu setzen. Das wiederum versetzt die Muskauer Amtsmänner in helle Aufregung. Denn diesmal geht es nicht bloß um den Wiesengrund zweier Dorfgemeinden, sondern um eine heikle  Staatsangelegenheit: Schödel behauptet, man hätte versucht die Niederlausitz zugunsten der Oberlausitz zu schmälern! Oh, das konnte einen Staatskonflikt verursachen! Zunächst werden alte Akten und Landkarten herausgesucht, amtliche Schreiben flattern zwischen der Muskauer und Triebeler Kanzlei hin und her - führen aber zu keiner Einigung. Entnervt beendet Johann Erdmann Graf von Promnitz den Schriftwechsel und zeigt kurzerhand den Standesherrn von Muskau Johann Alexander Graf von Callenberg wegen eigenmächtiger Abänderung der Staatsgrenze bei der Oberamtsregierung des Markgrafentums Niederlausitz in Lübben an. Diese gibt die wichtige Anzeige sofort an die Kanzlei des Herzogs Heinrich von Sachsen- Merseburg, dem Landesherrn der Niederlausitz weiter. Nun kommt auch der Oberamtsmann von Lübben ins Rödeln, denn die Behauptung der Grenzverschiebung muss klipp und klar nachgewiesen werden. Gottlob Herbart von Mandelslo auf Bohsdorf wird zum Kommissar bestimmt, der vor Ort die strittige Angelegenheit untersuchen soll. Die Kommission besteht aus einem jungen Promnitzischen Jäger, dem Dorfschulzen, einem Gerichtsmann und dem 70-jährigen Häusler Andreas Schur aus Groß-Särchen. Von der gegnerischen Seite ist niemand geladen. Was die Besichtigung dieser von Brombeergebüsch überwucherten Gegend ergibt, ist recht zweifelhaft. Die Flurkarten sind ungenau, der junge Jäger kennt die Gegend nicht und die anderen halten sich zurück. Der alte Häusler Schur ist sich nicht sicher, wo einst die Grenze verlief. Ja, es könnte sich wohl um 3 bis 5 Schritt handeln, dass der Zaun auf Särchensche Flur verschoben wurde. Obwohl auch im Bericht von Mandelslo Zweifel anklingen, fordert der Merseburgische Herzog die Geheimen Räte des Friedrich August von Sachsen auf, sie mögen doch dem Grafen Callenberg kundtun, dass er seinen Untertanen befehlen solle, den Zaun wieder an die ursprüngliche Stelle zu befördern. Callenberg ist wütend und bezeichnet die Anklageschrift als ein "ungegründetes und – soviel ihm bekannt – wider die Wahrheit laufendes Memorial." In acht Tagen soll er die Antwort nach Bautzen ins Oberamt liefern, obwohl der Streit wegen dieser vermaledeiten, sumpfigen Köbelner Wiese schon sechs Jahre andauert. Eilig wird eine Callenbergsche Kommission zusammengestellt. Die alte Flurkarte von 1659 lässt auch nur Vermutungen zu: Augenscheinlich ist der Zaun 3 Schritte auf Särchener Gebiet versetzt worden. Die beiden Untertanen Michael Kotzsch und Hans Krahl versichern eidlich, nie den Zaun versetzt zu haben, er stünde schon seit alten Zeiten so, nur die alten morschen Pfähle seien hin und wieder ersetzt worden. Peinlich, peinlich! Zum 13. April 1736 laden die Muskauer Herren die Promnitzischen zu einer Grenzbesichtigung ein. Obwohl sie stundenlang warten, erscheinen die Promnitzischen nicht. Nun müssen sie allein den fraglichen Zaun besichtigen und stellen verwundert fest, dass die alten zerbrochenen Hölzer weder für einen alten Zaun angesehen werden können, noch für einen neu gesetzten. Noch einmal versichern Kotzsch und Krahl, dass vor 20 Jahren das auch schon so gewesen sei. Unser Aktuarius Petsch legt einen gepfefferten Bericht zu den Akten: „daß es sich garnicht der Mühe lohnte, an einem solchen mit Brahmen [Brombeeren] bewachsenen Orte einigen Nutzen in der Gräserei zu suchen, allmaßen allda nichts wachsen kann, auch zu denen mehrsten Jahreszeiten ohnedies daselbst nichts als Wasser und Sumpf vorhanden. Es würden sich die Gräflich Promnitzschen Beamten schämen müssen, wenn sie bei diesen augenscheinlichen Umständen vorgeben wollten, daß der Zaun neuerlich gesetzt sein soll. Es müßte von Seiten der Sorauischen Herrschaft mit besten Gründen dargetan und erwiesen werden, wo eigentlich dieser Zaun vorher gestanden haben und um wieviel er verrückt worden sein solle, widrigenfalls bleibt es eine selbst ersonnene, unverantwortliche nachbarliche Zunötigung.“ An das Oberamt Bautzen schreibt Petsch für seinen Grafen kurz und bündig: Man möchte ihn gefälligst mit weiteren Mahnungen verschonen. Gleichermaßen schreibt auch Graf von Callenberg an seinen Kurfürsten von Sachsen und König von Polen Friedrich August, und bittet, allergnädigst zu geruhen, dem Herrn Grafen von Promnitz in hohen Gnaden bescheiden zu lassen, daß er von dergleichen ungegründeten Klagen und Zunötigungen abstehen oder vor dem Oberamt zu Bautzen sein Recht beweisen solle. Nun endlich kehrt Ruhe ein am alten Zaun, der die Niederlausitz von der Oberlausitz trennt. Es ist ein lieblicher friedvoller Ort, an dem es besonders im Frühling reizvoll ist und zum Spazieren und Träumen einlädt. Vielleicht hat Amtmann Schödel mit seiner "Wasserkunst" dafür gesorgt, dass dort ein Eldorado für seltene Pflanzen wie z.B. das Weißtannen-Arsenal oder die Orchideenwiese entstanden ist. Heute baut nicht mehr der alte Amtmann dort am Föhrenfließ seine Dämme, sondern es sind die unter Schutz stehenden Biber. Sie fällen Bäume, dass es nur so kracht! von Brigitte Haraszin
©2016 Henry Aurich