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Braunkohlebagger nehmen Richtung (Fauna-Flora-Habitat)-Gebiet. Diese Fläche stehen unter europäischen Naturschutz

zurück HINTERGRUND........................................ Gemeinde bereitet sich auf Anhörung vor
Landschaftsplanerin eingestellt: Nicole Haustein bearbeitet für die Gemeinde Schenkendöbern seit April alle Fragen, die mit dem Bergbau zusammenhängen. Das betrifft sowohl den genehmigten Tagebau Jänschwalde als auch den geplanten
neuen Tagebau Jänschwalde-Nord.
Anhörung vorbereiten: Die wichtigste Aufgabefür Nicole Haustein ist im Moment die Vorbereitung eines „Scoping''-Termins im September. Dabei wird die Gemeinde als betroffene Kommune im Rahmen des Planungsverfahrens für die neue Grube erstmals angehört. Die Kommune kann dort ihre Bedenken gegen die Planung vorbringen und auf Probleme und Details hinweisen, die bei einer möglichen Genehmigung der Grube zu berücksichtigen und abzuwägen wären. Ende 2014 soll eine Rechtsverordnung zum neuen Tagebau vorliegen.
Konfliktpotenzial Naturschutz: Im Bereich des geplanten Tagebaus Jänschwalde-Nord liegen drei FFH (Fauna-Flora-Habitat)-Gebiete. Diese Flächen stehen unter europäischem Naturschutz und können nur in Ausnahmefällen angetastet werden.

Der Bergbau greift massiv in die Gemeinde Schenkendöbern (Spree-Neiße) ein. Zu den Auswirkungen des Tagebaus Jähnschwalde kommen Pläne für eine neue Grube. Die soll drei Dörfer schlucken. Zwischen Widerstand und Zweifel suchen die Einwohner Orientierung..

„Uns müsste es eigentlich gar nicht geben", sagt Hanni Dillan über die Initiative „Bürger für Kerkwitz", kurz BfK. Doch es gibt sie seit Dezember, weil einigen Kerkwitzern der Kragen platzte. Nur unvollständig und einseitig würden die Einwohner informiert, wenn es um den Bergbau geht, so der Vorwurf von Hanni Dillan an den Ortsbeirat. Mit den über 20 Mitstreitern in der Bürgerinitiative will sie das ändern.
Der Braunkohlebergbau gräbt sich immer näher an die Gemeinde Schenkendöbern und damit in das Leben der Menschen. Zur Kommune gehören 16 Orte. Fünf werden von der Kohleförderung belastet und bedroht. Taubendorf, Groß Gastrose, aber auch Kerkwitz, Grabko und Atterwasch leiden jetzt schon unter den Auswirkungen des bestehenden Tagebaus Jänschwalde, der um 2020 an der „Taubendorfer Rinne" sein Ende finden soll.
Doch vor eineinhalb Jahren hat der Energiekonzern Vattenfall ein Planverfahren für einen anschließenden neuen Tagebau Jänschwalde-Nord eingereicht. Seitdem ist in Grabko, Atterwasch und Kerkwitz nichts mehr so, wie es war. Denn die drei Dörfer, in denen 900 Menschen leben, sollen durch die neue Grube abgebaggert werden. Kerkwitz, mit 500 Einwohnern der größte der drei Orte, müßte als Erster um 2025 weichen.
Die BfK-Aktivistin Hanni Dillan ist 58 Jahre alt, eine energische Geschäftsfrau mit kurzen grau melierten Haaren und offenem Blick. Ihr Mann Werner ist 70. Vor drei Jahren hat er seinen Landhandel abgegeben. Das Ehepaar wollte sein Haus in Kerkwitz verkaufen und in den Spreewald ziehen. Vier Wochen später gab Vattenfall sein Interesse an Jänschwalde-Nord bekannt. Ihr Haus war über Nacht kaum noch zu veräußern. „Die haben damit auch meine Lebenspläne zerstört", sagt Hanni Dillan. Sie sei auch gegen die Abbaggerung, sagt sie. Die Betroffenen müßten sich jedoch rechtzeitig mit dem auseinandersetzen, was möglicherweise auf sie zukommt, wenn die neue Grube doch genehmigt wird. Für einen Teil der Kerkwitzer, so ihre Beobachtung, scheine es jedoch nur ein Ziel zu geben: Vattenfall Knüppel in die Beine werfen, um jeden Preis.
Der Widerstand gegen die Erkundung der Grundwassersituation durch Vatterfall ist für sie ein Beispiel. Man müsse eigentlich froh sein, daß der Konzern das erkunden läßt. So könne man nachweisen, wenn der Wasserspiegel durch den Bergbau sinkt und Ersatz fordern. Für den harten Kern der Bergbaugegner gilt das Akzeptieren der Grundwassermessung schon als Verrat. Die Ergebnisse könnten für die Vorbereitung der neuen Grube genutzt •werden, so ihr Verdacht. Mißtrauen keimt auf, seit der Bergbau den Ort bedroht.
Hans-Jürgen Koch sitzt im dreiköpfigen Ortsbeirat von Kerkwitz. Vor gut einem Jahr hatte er eine Bestandsaufnahme der Grundstücke mit auf den Weg bringen wollen. Dafür wurde er scharf attackiert. Koch ist 68 Jahre alt und 1994 aus Guben nach Kerkwitz gezogen. Das „Bergbauschutzgebiet" DDR-Begriff für ein zum Abbaggern geplantes Gebiet, war .für Kerkwitz und Umgebung gerade aufgehoben worden. Wie Koch haben viele Familien nach 1990 in Kerkwitz, Atterwasch und Grabko neu gebaut. Ihnen spricht Koch aus dem Herzen, wenn er sagt: „Ich fühle mich durch die Landesregierung total verraten."
Ringsum sein Haus hat sich Koch einen Garten mit Teich, künstlichem Wasserfall und 70 verschiedenen Lilienarten angelegt. Lilien sind seine Leidenschaft. Wenn Kerkwitz wie geplant in etwa 15 Jahren umgesiedelt wird, ist Koch über 80. „Dann kann ich mir die Abfindung in den Rollator packen", sagt er bitter.
Koch beteiligt sich an friedlichen Protestaktionen gegen den neuen Tagebau. Trotzdem müsse die Gemeinde mit Vattenfall verhandeln, um die jetzt schon vorhandenen Auswirkungen des Bergbaus auszugleichen, sagt er. Die Entwicklung gehe jedoch in die andere Richtung. Der Ortsbürgermeister sehe „keinen Gesprächsbedarf',beklagt Koch.
Der Widerstand in Kerkwitz, Atterwasch und Grabko gegen die neuen Tagebaupläne hat dem Protest Gesichter gegeben. Sie prangen mit dem Schriftzug „Wir lassen uns nicht wegbaggern" auf einer Plakatwand und auf Autohecks. Eines der Gesichtergehört Jürgen Trenkle. Er ist wie Hans-Jürgen Koch Kerkwitzer Ortsbeirat und sitzt im Sonderausschuss Braunkohle des Spree-Neiße-Kreises.
Mit Trenkle und dem Kerkwitzer Ortsvorsteher Roland Lehmann über den Bergbau und die Bürgerinitiative im Ort zu sprechen, ist schwierig. Manche Fragen beantworten sie nur ausweichend. Ihr Vorbild ist Homo (Spree-Neiße), das Dorf, das sich bis zum letzten Augenblick gegen die Umsiedlung für den Tagebau Jänschwalde gewehrt hatte. Eine Vorbereitung für den Fall der Niederläge gegen den Bagger wurde verweigert. Der Bau von Neu-Horno mußte dann schneller erfolgen als jede andere Umsiedlung in der Region seit 1990.
„Wir wollen die Abbaggerung um Jeden Preis verhindern, dem ordnet sich alles unter", stellt Ortsbürgermeister Lehmann klar. Warum es die Bürgerinitiative gibt, die ihn kritisiert? „Die will etwas anderes als ich", sagt er. Was die Initiative denn wolle? Lehmann und Trenkle zucken die Schultern: „Da müssen sie die Bürgerinitiative fragen." Anders als in Atterwaschund Grabko gibt es in Kerkwitz keine direkten Gespräche mit Vattenfall über die Auswirkungen des bereits bestehenden Tagebaus Jänschwalde.
Im Arbeitskreis Agenda 21 wird der Widerstand von Kerkwitz, Atterwasch und Grabko gegen einen neuen Tagebau organisiert und gebündelt. Für Atterwasch sitzt Christian Huschga in dem Gremium. „Das steht einfach nicht im richtigen Verhältnis, das Leid hunderter Menschen gegen eine Uralttechnologie", sagt der 40-jährige Freiberufler. Die Landesregierung in Potsdam würde Vattenfall „den roten Teppich ausrollen" und zusarnmen mit dem Energiekonzern die Menschen täuschen.
Wer Huschga besucht, versteht, warum er um sein Zuhause kämpft. In den 70er Jahren hatten seine Eltern eine 5000 Quadratmeter große alte Gärtnerei am Ortsrand gekauft. Heute ist das Grundstück ein parkähnlicher Garten mit Blumenrabatten. Hecken, Rasenflächen und zwei Seerosenteichen. Über die Gartenmauer geht der unverbaute Blick über ein Feld zum Waldrand.
Ob er an den Sieg gegen den Tagebau glaubt? „Sonst würde ich mich hier nicht so engagieren", sagt Christian Huschga. Etwa acht Stunden pro Woche widmet er dem Kampf um sein Dorf. Dass der Protest der Kohlegegner bisher noch verhalten ausfällt hat einen einfachen Grund: „Man muß die Kraft einteilen, wir brauchen einen langen Atem."
Am anderen Ende von Atterwasch wohnt Monika Schulz-Höpfner. Drei Jahre lang war sie Bürgermeisterin im Ort. Heute sitzt sie für die CDU im Brandenburger Landtag. Dort hat sie es nicht leicht. Ihre Fraktionhält die Fortsetzung des Braunkohlebergbaus für notwendig. Monika Schulz-Höpfner nicht.
Der bereits bestehende Tagebau Jänschwalde habe noch genug Kohle und der Anteil der erneuerbaren Energien steige ständig, sagt sie. Wenn nötig, könnte ein neues Feld bei Bagenz erschlossen werden, ohne Umsiedlungen. „Es geht um Ökonomie, um Gewinnmaximierung", so ihr Kommentar zum Plan für Jänschwalde-Nord. Im Dorf bemerkt sie seit den neuen Tagebauplänen besonders bei den älteren Einwohnern viel Angst, Zweifel und Verunsicherung. Auch das Mißtrauen untereinander nehme zu. Zutiefst mißtrauisch ist sie jedoch wie andere Dorfbewohner gegenüber Vattenfall. Jede Formulierung des Energiekonzerns wird auf einen möglichen Doppelsinn abgeklopft.
Wie Vertrauen wachsen könnte, vermag Monika Schulz-Höpfner nicht zu sagen: „Vielleicht geht das einfach nicht, weil die uns ja abbaggern wollen."
1983 ist Monika Schulz-Höpfner nach Atterwasch gezogen. Kurz darauf verunglückte ihr erster Mann tödlich. Über Nacht stand sie mit einem alten Bauernhof und zwei halbwüchsigen Kindern alleine da. Sie ist geblieben. Der Hof ist saniert. „Vielleicht hänge ich deshalb so sehr daran", sagt sie. Ihre größte Sorge sei, daß die Kohlepläne das Zusammenleben in den Dörfern langsam zerstören und in zehn Jahren die Kohle darunter doch nicht gebraucht wird. Im Dorf hört man auch die Vermutung, Atterwasch solle gar nicht abgebaggert werden. Der Ort am Rande des geplanten Feldes könnte „Verhändlungsmasse" sein. Die Umfahrung würde jedoch einjahrelanges Leben am Tagebaurand bedeuten.
Wie sich das anfühlt, erleben die Bewohner von Taubendorf bereits jetzt. Etwa fünf Kilometer ist die Tagebaukante noch vom Ort entfernt. Wilhelm Aldag betreibt dort einen Erdbeerhof. Die Familie wohnt in einem alten Gutshaus, ein Stück vom eigentlichen Ort entfernt Richtung Neiße. Zwischen dem Dorf und Aldags Grundstück hat Vattenfall eine unterirdische Dichtwand gezogen, damit die benachbarte Neiße nicht in den Grundwasser-Absenktrichter des Tagebaus läuft.
Gräben sind dadurch trockengefallen. Jetzt fülle Vattenfall dort Wasser hinein. „Die hören schon zu, wenn es ein Problem gibt", sagt Erdbeerbauer Aldag. Doch es gebe keine rechtliche Grundlage, um Ausgleich zu fordern. Der Tagebau Jänschwalde habe seinen Hof durch Straßenverlegungen „abgeschnitten". „Wir leben von der Direktvermarktung, aber der Weg nach Cottbus ist jetzt weiter", so Aldag. Auch kämen weniger Kunden direkt zum Hof in der Albertinenaue.
Wilhelm Aldag ist ein ruhiger, bedächtiger Mann, der aber keinen Hehl daraus macht, daß er sich gegen einen neuen Tagebau hinter der Taubendorfer Rinne engagiert, weil er die Notwendigkeit dafür nicht sieht. Der Unmut vieler Menschen in der Gegend sei sehr groß, weil die sich noch gut an die Diskussion vor der Umsiedlung von Horno erinnern. Manfred Stolpe (SPD), damals Ministerpräsident, habe "versprochen, daß an der Taubendorfer Rinne mit dem Bergbau Schluß sei.
Kurz nach Sonnenaufgang, wenn es noch ganz still ist, kann Wilhelm Aldag den nahen Tagebau hören, der sich auf Taubendorf zufrisst. Das klinge wie leises Meeresrauschen, aber er sehe dabei in Gedanken das Förderband vor sich, von dem die Erdmassen auf die Kippe stürzen: „Ich frage mich, wie das wird, wenn der noch näher kommt." Der Gedanke daran sei beklemmend.